Warum ich so bin wie ich bin - oder: das Geheimnis meines mangelnden Erfolgs...
Ich wurde geboren zu einer Zeit, als der Friede von Versailles noch keine 50 Jahre in der Vergangenheit lag. Es war jene Zeit, von der man später einmal behaupten würde, es seien “bewegte Jahre” gewesen. Der Herbstanfang lag kaum fünf Wochen zurück, und ein kalter Winter schickte seine Vorboten ins Land. An jenem Tage, es war kurz vor der Monatswende, wurde meine Mutter ins Krankenhaus verbracht, um zum zweiten Mal zu entbinden. Genau zu diesem Zeitpunkt ereignete sich in ihrer Straße ein Auffahrunfall, und zum ersten Mal seit zehn Tagen schien wieder die Sonne. Kurzum: es war ein bedeutender Augenblick, als sich meine Augen zum ersten Mal öffneten und ich die Welt mit einem markerschütternden Schrei begrüßte.
Mein Aufstieg war demzufolge unvermeidlich. Nach einer zügig verbrachten Kindheit in bürgerlichen Verhältnissen, gefolgt von einer nicht enden wollenden Pubertät, arbeitete ich zielgerichtet nur auf eines hin: Ich wollte reich, sexy und berühmt werden. Ein Ziel, an dem ich bis heute arbeite. Nur ist es mit den Jahren etwas einfacher geworden, denn die Anzahl der möglichen, erreichbaren Ziele hat sich reduziert. Zwar kann ich immer noch reich werden, auch dem Berühmtsein steht nicht wirklich etwas im Weg, aber mein Sexappeal hat sich im Laufe der Zeit ein wenig abgenutzt. Doch der Reihe nach. Im gleichen Jahr, in dem Winston Smith die Liebe entdeckte, legte ich mein Abitur mit einem Traumergebnis ab. Die Noten spielten dabei für mich keine Rolle, denn sie sagten nichts über meine Fähigkeiten und Begabungen aus. Sie waren sinnloser Tand, von Lehrern in Unkenntnis meiner geistigen Perfektion achtlos zugewiesen. Kurzum: Sie beeinträchtigten meinen Entschluß, reich, sexy und berühmt zu werden, in keiner Weise.
Und so sah ich mich gegen Ende meiner Schulzeit bereits im geistigen Olymp, umgeben von nymphenhaften Schönheiten, mit Goldgeschmeide geschmückt und in Bacchanalen wahrhaft dionysischen Ausmaßes schwelgend. Auf der Höhe meiner geistigen Potenz beschloß ich daher, der Welt ein selbstloses Geschenk zu übereignen und verübte meinen Zivildienst. Zwar brachte der nicht das erhoffte Geschmeide und die nymphenhaften Schönheiten, doch immerhin führte er mich auf dem Weg der dionysischen Bacchanale zu wahren Höhenflügen.
Derart gestärkt, begann ich meinen weiteren Lebensweg mit der Erlernung eines Handwerks. Ich wußte um der einmaligen Brillanz meiner lichtbildnerischen Fähigkeiten, und so absolvierte ich eine entsprechende Ausbildung. Voll Demut und Bescheidenheit plante ich, nach Abschluß derselben die Berliner Fotoszene durch spektakuläre neue Sichtweisen zu revolutionieren und die mir innewohnenden optisch-kompositorischen Fähigkeiten einer breiten Masse von Ahnungslosen zugänglich zu machen. Ich wußte, daß mir dieser Plan, gepaart mit meiner natürlichen Abneigung gegen Selbstüberschätzung und Aufschneiderei, den großen Durchbruch bringen mußte. Dieser Ansicht war fraglos auch jener nette, ältere Beamte, der mich nach dem Ende meiner Lehrzeit im ortsansässigen Arbeitsvermittlungsamt liebevoll mit Tips und Ermahnungen bezüglich meiner weiteren Lebensgestaltung versah. Es war inzwischen das Jahr des Feuerdrachens, ein gutes Omen, wie ich fand, denn schließlich war ich in einem ebensolchen geboren worden. Ich war davon überzeugt, daß meine ganz große Zeit jetzt gekommen war und beschloß, der Hilfe des freundlichen älteren Beamten zu entsagen, um fortan auf eigenen Füßen durch das Berliner Nachtleben zu wanken.
Meine Begegnung mit dem höflichen Alten hatte mir gezeigt, daß ich der Auserwählte war; meine rhetorischen Qualitäten, ihm und dem Rest der Welt dies zu vermitteln, bedurften jedoch noch eines gewissen Feinschliffs. Ich zog daher, von göttlicher Gnade durchleuchtet, in die Hörsäle der Alma Mater ein und bildete mich in der hohen Kunst der deutschen Literaturwissenschaft. Es war jetzt die Zeit der großen Grenzöffnungen und -erfahrungen gekommen, und ich lernte in den heiligen Hallen der Universität die tiefere Bedeutung der Sprache, der Literatur und der Sinnfälligkeit dionysischer Bacchanale. Darüber brach das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends an, in dessen Verlauf ich einerseits meine Studien abschloß, andererseits die Erkenntnis gewann, daß mein Ziel, reich, sexy und berühmt zu werden, nicht sofort zu erreichen war, da es immer noch einige Zweifler gab.
Zu ihnen gesellte sich auch jene ältere, nette Beamtin des staatlichen Wohlfahrtsamtes, der ich zu jener Zeit wiederholte Besuche abstattete und die mich liebevoll mit Tips und Ermahnungen bezüglich meiner weiteren Lebensgestaltung versah. Doch Selbstzweifel waren mir fremd. Es stand mir klarer denn je vor meinem geistigen Auge: ich sollte, ja, ich mußte die Welt verändern, die lange genug im Dornröschenschlaf dahingedämmert war. Und so setzte ich meine Mission unverdrossen fort. Verschiedene Professionen, die sich allesamt nur diesem einen, dem endgültigen Ziele unterzuordnen hatten, wechselten einander ab. Ich zog in die Welt der bunten Bilder, ich preiste Waren wie mein eigenes Leben, kurzum: ich frönte der Lohntätigkeiten von durchaus unterschiedlicher Couleur. Bei alledem blieb ich stets nur meinen Idealen verpflichtet. Jedenfalls, solange sie nicht meinem Wunsche, mich dem Mammon zu ergeben, zuwider liefen. Ich lobpreiste die Welt und mit ihr jeden, der half, all die Ungläubigen und Zweifler an meiner Person zu wiederlegen. Dennoch vernahm ich in diesen Jahren gelegentlich die leise Stimme des Zweifels, die in mir nagte. Doch ich rang sie stets nieder und rief es immer und immer wieder in die Welt hinaus: ich bin der Auserwählte.
Und so gelangte ich schließlich in den Schoß der Meinungsverkünder, die mein Rufen erhörten und mich in ihre mildtätigen Arme schlossen. Hier erkannte man meine Fähigkeiten, hier durfte ich endlich sein, was ich bin: der Größte. Und so verbringe ich seither in Demut und gereinigt von Selbstzweifeln meine werktätigen Tage zuweilen in einem bescheidenen Büro in der ehemaligen Kaiserresidenz, umgeben von Personen, denen meine Erleuchtung eine Begleitung in schweren Zeiten sein möge. Und ich sah, daß es gut war.